R.I.P. HAUSPROJEKT „ALTE SCHULE“


Sehr geehrte Pilsacher,

nun ist es soweit, seit nun über einem Jahr wurden auch die letzten Hausbewohner der Hauptstraße 15 aus der „alten Schule“ ihres Obdachs beraubt.
Das heimliche Volksbegehren halb Pilsachs und der sehnlichste Wunsch Adolf Wolfs in seiner gesamten Laufbahn als konservativer Christ-Sozialist wurde nun endlich Wirklichkeit:

Pilsach beherbergt endlich keine alternative Kultur mehr!

Die Integrations-Unwilligen und die Nicht-Kirchgänger wurden nun vertrieben, im Winter auf die Strasse gesetzt und ihr Zuhause zerstört, als gerechte Strafe für ihr Handeln:

dem Anderssein, welches vielen Provinzlern als das personifizierte Übel erschien.

Unbehaglich beobachteten die christsozialistischen Augen Adolf Wolfs und die unzähliger weiterer Bewohner Pilsach den Einzug ihrer neuen Nachbarn in das alte Gebäude an der Hauptstraße –
Jugendliche mit bunten Haaren und einer Lebenseinstellung die nicht konform mit den völkisch-reaktionären Werten guter, alter, bayrischer Kultur sind und deshalb ganz klar ein Problem darstellten.

Wie gern hätten Vertreter des Gemeinderates eine strahlend neue Feuerwehrwache an diesem bunten Schandfleck gesehen, der letztendlich, nach allen Befürchtungen der äusserst professionellen und keinesfalls stümperhaften Beamten der PI-Neumarkt als potentielle linke Terrorzelle diente.

Zu verstehen ist Eure Frustration und Eure Wut sehr gut:
Es ist nicht schön, in einer Gegend zu wohnen, die nur unwesentlich dichter als das australische Outback besiedelt ist; und es ist ebenfalls nicht schön, wenn das kulturelle Highlight der Woche der kurze Halt des Bo-Frost-Autos ist. Wer von Euch in den Spiegel oder über den Gartenzaun schaut, der weiß:
Die Nähe zur Natur, die eingeschränkten Sozialkontakte und die geringe Auswahl an Ehe- oder Sexualpartnern machen Menschen nur selten freundlich, attraktiv oder sogar glücklich.

Die Frustration, die aus dieser misslichen Lage resultiert, und die Wut über die Unfähigkeit, den Ort der eigenen Verdummung ein für allemal zu verlassen, schlagen regelmäßig in Aggressionen gegen andere um:
Mal sind es die Nachbarn, die das Elend aufgrund der von ihnen ausgehenden totalen Überwachung tatsächlich zu einem nicht
unerheblichen Teil mitzuverantworten haben; mal sind es die Ehepartner, in denen man die eigenen Launen, Ticks und Scheußlichkeiten wieder erkennt; mal sind es die Kinder, denen man neidet, dass es ihnen möglicherweise tatsächlich einmal gelingen wird, das Dorf zu verlassen. Keine Marotte – von der Vorliebe für eine bestimmte Rasensorte bis zur Mülltonnenanordnung – ist zu klein, als dass daraus keine generationenübergreifende Feindschaft entstehen kann; kein Anlass – vom schiefen Blick bis zur falschen Betonung des Wortes „Prost“ – ist zu nichtig, als dass daraus beim Dorffest keine handfeste Auseinandersetzung entstehen kann.

All diese Auseinandersetzungen, Gehässigkeiten und Feindschaften werden allenfalls dann und auch nur zeitweise stillgelegt, wenn sich die Dorfgemeinschaft auf einen gemeinsamen Feind einigt, der verbal oder handfest durch den Ort getrieben werden kann. Diese Gegner sind bevorzugt Menschen, die besonders auffallen:

sei es, weil sie durch bestimmte Spleens oder Marotten aus der Reihe tanzen; sei es, weil sie Schwäche zeigen; oder sei es, weil sie durch Dialekt, Kleidung oder Nummernschild signalisieren, dass sie auch etwas anderes als das jeweilige Nest kennen.

Letztlich kann es aber jeden treffen. In der Bekämpfung eines gemeinsamen Feindes rücken selbst Familien zusammen, die sich seit Jahrzehnten spinnefeind sind; nur bei seiner Verfolgung stellt sich die berühmte Harmonie ein, die frustrierte Großstadtbewohner so gern auf das Landleben projizieren.

Die Schlauen wissen, dass sich ein solches Verfolgerkollektiv nach dem Prinzip einer Zwangsgemeinschaft zusammenfindet. Da die fehlende Anonymität eines Dorfes dafür sorgt, dass jeder über die kleineren und größeren Leichen im Keller des Anderen Bescheid weiß, hat jeder Angst davor, als nächster kollektiv über den Dorfplatz getrieben zu werden. Aus diesem Grund reihen sich in der Regel nicht nur die Frustriertesten und Gewalttätigsten in den Mob ein.
Sondern es beteiligen sich nicht zuletzt auch diejenigen, die den meisten Dreck am Stecken haben.

Sämtliche Tricks wurden ausgespielt um etwas in der Hand gegen die „Terroristen“ zu haben und ihnen ihre Bleibe zu entreissen.
Unter anderem wurde ein willkürlicher Termin zu einer plötzlichen „Brandschutz Begehung“ festgesetzt
(welcher untypischerweise über eine Email-Adresse – welche nicht einmal in direktem Zusammenhang mit den Hausbewohnern stand – am Vorabend mitgeteilt wurde, was auch offiziell eine unzureichende Zeitspanne zwischen Ankündigung und Durchführung darstellte).

Der ebenfalls angerückte Mayor wurde leider enttäuscht, als die Bewohner ihm bei der besagten Brandschutzbegehung den Zutritt verwehrten und stattdessen als spontanes Erstatz-Gemeindemitglied – das für die Begehung notwendig war – einen freundlichen Random-Bauarbeiter von der Strasse wählten.
Alles schön nach Vorschift, die Begehung fand statt, der Häuptling musste ausserhalb des Grundstückes warten und der Bauarbeiter war sichtlich dankbar für diese kleine Pause.

Die Schikanen hörten damit nicht auf – später kam die zündende Idee:
Man setzte das Bauamt auf das Objekt des Bösen an.
Die marode Scheune die ebenfalls auf dem Grund stand, war die Chance sich der Störenfriede zu entledigen.
Der Vermieter zog seine Anfangs angebotene Hilfe zur Behebung der Schäden zurück und so kann man nur von einem Pakt gegen das Hausprojekt „alte Schule“ ausgehen.
Kurz vor Wintereinbruch 2011 wurde mitgeteilt das die Bewohner binnen weniger Wochen das Haus zu verlassen haben.
Nebenbei bemerkt existerte ein rechtlich gültiger, mündlicher Mietvertrag und ebenfalls Dokumente die dies belegen
(wie zB. die Wohnungsbestätigung des Vermieters an eine Mitbewohnerin für das Landratsamt und die monatlichen Mietüberweisungen).

Durch entschlossenen Aktivismus des Vermieters und seinem Sohn als Handlanger, wie z.B. das mehrmalige illegale Abstellen des Wasseranschlusses auf der Strasse, das kappen des Stromes, das willkürliche Eindringen in das Haus ohne Einverständnis der Mieter, verbale Drohungen, das Zerstören und Stehlen von Eigentum der Hausbewohner und das Entwenden eines kompletten 3 Meter langen Hofeinfahrts-Tor mitsamt Briefkasten (!) trotze man dem mündlichen Vertrag und setzte stattdessen lieber auf Terror oder wie man vllt in Pilsach sagt: „es redn is etz vorbei“.

So ignorierte man die rechtlichen Grundlagen und verlangte weiterhin den bedingungslosen Auszug der Bewohner durch Nötigung.
Auch einige eifrig demokratisch Bedienstete der Polizeiinspektion Neumarkt möchten Anteil an dieser Hatz gegen Anderslebende haben und brüsten sich mit Aussagen wie „in Büsach hamers etz a scho wech“.

Der vaterländische Einsatz einiger Vertreter der Pilsacher Dorfjugend gegen die ungewollten Zugezogenen in Form von regelmäßigem vorbeifahren mit dem Motorrad – mit stolz geschwellter Brust, dem rechten Arm zum Himmel gestreckt kombiniert mit einem schallenden „Sieg Heil“-Rufes ist nun nicht mehr nötig.

Die Heldentaten dieser ausserordenlich vorbildhaften Jugendlichen, wie das besprühen der Hauswände mit Hakenkreuzen und SS-Runen, oder das Aufstechen von Autoreifen und natürlich nicht zu vergessen das heroische einschlagen einer Autoheckscheibe werden Teil der Erinnerungen des Widerstands gegen die Fremden bleiben und tief in den Herzen des ein oder anderen Pilsachers verankert sein.
(Achtung, Sarkasmus)


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http://www.nordbayern.de/region/neumarkt/punker-im-visier-der-rechten-szene-1.186434

Nicht zuletzt das gewaltsame Empören der Festzeltbesucher des Starkbierfestes 2010, als 2 männliche Haus-Besucher aus Berlin wagten sich an dem Fest der Urbevölkerung zu küssen, machen deutlich wie es um bayerische Provinzen steht.
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http://www.nordbayern.de/region/neumarkt/punker-und-pilsacher-fetter-zoff-nach-dem-starkbierfest-1.652291

Anfang Mai 2013 machte man sich dann ans Werk, die Bastion des Bösen zu vernichten und die Geschichte der Hausbewohner und ebenso einen Teil der Geschichte Pilsachs auszulöschen.
In wenigen Tagen wird das mühe- und liebevoll Gestaltete Gebäude dem Erdboden gleichgemacht und „weicht modernen, seniorengerechten Wohnungen“.

Ein Landkreis in dem die tausendste seniorengerechte Wohnung mehr Wert ist, als ein Treffpunkt alternativer Jugendlicher.

Ein Landkreis in dem das hunderste Bauvorhaben für Senioren der Donauer-Immobilie mehr wiegt als der Schrei und der Wunsch junger Menschen gemeinsam, kollektiv ihr selbstbestimmtes Leben unter einem Dach zu gestalten –
fernab von unbezahlbaren Ein-Zimmer-Klos und kaum möglich unter dem Druck WG-feindlicher Wohnungsanbieter.

Ein Landkreis in dem man öffentliche Statements des Jugendzentrum-Beauftragten wie „selbstverwaltete Jugendzentrem sind Auslaufmodelle“ ertragen muss, hat keinen Platz für bunte Häuser.

Für einen Landkreis in dem die Haupttätigkeit der Polizei ist, geklauten Damenfahrrädern und Mülldieben nachzustellen, stellt es eine nicht hinnehmbare Katastrophe dar, wenn sich alternative Indivduen an einem Ort sammeln -
sei es um dort zu Leben oder eine schöne Zeit zu verbringen.

Ein Landkreis der seine Jugend entweder im Schützenverein, in der Feuerwehr, in der Kirche oder besoffen an eben kirchlichen Festen sehen will, anstatt unbhängig in selbstgestalteten Wohnräumen.

Ein Landkreis der Platz für Senioren schafft und dafür Jugendliche im Winter auf die Strasse wirft.
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http://www.nordbayern.de/region/neumarkt/seniorenwohnungen-statt-schule-1.2867131

Für die regionalen Zeitungen und viele Anwohner war das Ganze niemals mehr als ein belächelndes, nicht ernstzunehmendes „Punk-Projekt“.
Niemals wurde der Gedanke daran verschwendet das diese Menschen gerne dort gelebt haben, Herzblut in das Haus gesteckt haben.
Niemals wurde der Gedanke daran verschwendet das die Entscheidung zwischen genötigter Wohnungslosigkeit und sozialer Abhängigkeit zu dem Recht eines eigenen Daches über dem Kopf und das Recht auf Existenz alles andere als ein Spiel einiger querdenkender Jugendlicher ist, die pauschal als „Punker“ in Schubladen gesteckt werden.
Trotz gegebenerfalls „bunter Haare“ wollten diese Menschen ein Forum und eine Bleibe innerhalb dieser Gesellschaft errichten.
Doch diese Indizien waren Anlass für die Öffentlichkeit die Bewohner nicht als gleichgestellte Menschen zu betrachten.

Die Sonne strahlt wieder über dem idyllischen, tiefschwarz-triefenden und original Oberpfälzischen Dörfchen.
So schmeckt der Schweinsbraten wieder gut und die Kirchglocken ertönen auch wieder in vollem Glanze.

Was an diesen letzten Tages an Fremdenfeindlichkeit, eifernder Feindseligkeit, systematischer Ignoranz und Unverhältnissmäßigkeit dargelegt wurde, offenbart einen totalitären Charakter derjenigen, die darin Bestrebt waren die erklärten Störenfriede zu vertreiben und das Dorfbild und dessen, in ihren Augen guten Ruf zu bewahren.
Niemals wurde ernsthaft der Dialog gesucht, permanent wurden Gerüchte gesäät, Tatsachen verdreht, auf Vorurteile gebaut und Fehler, die menschlicherweise von Seite der Hausbewohner auch gemacht wurden, für immer angerechnet und als pauschalisierendes Argument gegen die Existenzberechtigung des Hausprojektes genutzt.

Abschliessend ist zu sagen:
Man hätte juristisch Vorgehen können, man hätte noch einiges an kreativen Aktionen und Widerstand leisten können, es wäre noch einiges an Potential vorhanden gewesen, letztendlich hätte man sicherlich Erfolg gehabt, schon allein auf rechtlicher Basis, durch den gültigen, mündlichen Mietvertrag.
Doch fehlte es an Geldern, Nerven und einem klaren Kopf, der nur zu Oft nicht Vorhanden war durch den ausgesetzten Schikanen und der Sorge über die künftige Obdachlosigkeit, der Gedanke das das eigene Zuhause vernichtet wird und anderen negativen Umständen die nebenbei noch einzelne Hausbewohnern plagten.
Es fehlte ganz klar an Kraft und aber auch ganz klar an Unterstützung.

Danke an diejenigen Pilsacher welche die Haus-Bewohner nicht als Fremdkörper angesehen haben und eine Koexistenz für Möglich gehalten haben oder die Bewohner sogar Unterstützt haben, sei es mit Lebensmitteln oder Inventar oder einfach mit netten Gesprächen.

Danke an all die Besucher und Unterstützer und vor allem auch an diejenigen die bis zum Schluss geblieben sind oder bereit waren für das Haus zu kämpfen.

Es war eine schöne Zeit und die alte Schule wird für immer im Herzen bleiben, als bislang einziges alternatives (Sub-)Kulturprojekt in der Gegend.

Danke, alte Schule.

((Diese Stellungsnahme steht nicht in direktem Zusammenhang mit der autonomen Antifa Neumarkt))


2 Antworten auf „R.I.P. HAUSPROJEKT „ALTE SCHULE““


  1. 1 Unvergessen alte Schule. 05. Mai 2013 um 17:04 Uhr

    Auch vielen Dank für die Kommentare die unter dem Zeitungsartikel gepostet wurden…

    http://www.youtube.com/watch?v=jraLzbr7q5E

    Es ist unser Haus, es ist unser Haus
    Es ist schmutzig, kaputt, hässlich und trotzdem schön
    Es ist das laute Nein, es ist das laute Nein
    Hinter dem Ausrufezeichen stehn

    In eurer Welt der Dinge, in eurer saubren Stadt
    Sind unsere Träume völlig ohne Wert
    Wir sind die Brüche in der Ordnung und auf die macht ihr jetzt jagt
    Damit keiner Widerreden hört

    Doch es geht nicht nur um Immobilien und nicht nur um Geld
    Und euren ganzen Reichtum ohne Wert
    Es geht hier um die Frage, wem gehört die Welt
    Was ist richtig und was ist verkehrt

  2. 2 an die Bewohner 05. Mai 2013 um 22:19 Uhr

    mein tiefstes Beileid und grenzenlose Solidarität.

    für viele neue Häuser.

    ein früherer Besucher des Hauses.

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